sex mit Hermann Hesse

Hermann Hesse hat für jede seiner drei Frauen ein Märchen geschrieben, Felicitas Andresen schreibt eins für ihn. Die Ich-Erzählerin arbeitet im Hesse-Museum in Gaienhofen, füllt Seifenspender nach, kontrolliert die Sauberkeit der Toiletten und putzt die Vitrinen. So lernt sie Hesse von allen Seiten kennen und wir mit ihr.

Das Pflücken der Blumen für den musealen Eingangsbereich wird zu einem Exkurs ins Reich sexueller Metaphorik, da geht es dann ganz unverblümt zur Sache. Die Ich-Erzählerin zitiert aus Narziss und Goldmund:

„im frühling seiner kindheit lief Anselm durch den grünen garten. eine blume unter den blumen der Mutter hieß schwertlilie, die war ihm besonders lieb. er hielt seine wange an ihre hohen hellgrünen blätter, drückte tastend einen finger an ihre scharfen spitzen, roch atmend an der großen wunderbaren blüte und sah lange hinein …“

Sie stellt Vermutungen an, warum er so fasziniert war von Schwertlilien. "ja, da braucht's keinen traumdeuter aus Wien, das sieht man auch so, wie sehr diese drei zartschwingenden und zugleich lappigen, schlechtgebügelten, herunterhängenden unteren blütenblätter den weiblichen Schamlippen gleichen, den inneren. (...) ich werde die blüte nachher ins freie stellen, damit die blume mit hilfe der bienen ein wenig sex hat vor ihrem frühen und von mir verursachten tod."

Felicitas Andresen versteht sich auf die Kunst, sich über sich selbst lustig zu machen, das macht die Lektüre zu einem Vergnügen. Für ihre witzig-schrägen Annäherungsversuche an Hesse hat sie den Thaddäus-Troll-Preis bekommen und den Singener Kulturpreis.