Ich verwandle mich

Die Geschichte dieser Aufzeichnungen ist bewegend. Eine Frau erzählte davon am Ukraine-Stand auf der Buchmesse in Leipzig. Volodymyr Vakulenko wurde am 1. Juli 1972 in Kapytoliwka in der Oblast Charkiw geboren. Er arbeitete nach seinem Schulabschluss als Konditor, später als Koch und begann dann, als Schriftsteller tätig zu sein. Seit der Geburt seines Sohnes Vitaly schrieb er vor allem Kinderbücher.

Im Winter 2013/14 beteiligte er sich an der Revolution der Würde auf dem Majdan in Kyjiw. Dabei wurde er von Tituschki, den bezahlten Schlägern des Regimes, verletzt. Als Russland im Frühjahr 2014 seine Invasion im Osten der Ukraine begann, unterstützte Volodymyr Vakulenko als Freiwilliger die ukrainischen Streitkräfte.

Im März 2022 geriet das Heimatdorf von Volodymyr unter russische Besatzung. Er schrieb auf, was er erlebte. Die 36 eng beschriebenen Seiten versteckte er in seinem Garten, kurz bevor er und sein minderjähriger Sohn durch russische Soldaten verhaftet wurden. Sie kamen wieder frei. Dann wurde Volodymyr kurz darauf erneut von russischen Soldaten verschleppt. Sein geschundener Leichnam wurde nach der Befreiung in einem der Massengräber gefunden.

Nach der Befreiung der Region durch die ukrainischen Streitkräfte im September 2022 reiste die Schriftsttellerin Victoria Amelina zum Haus von Volodymyr Vakulenko. Unter einem Kirschbaum fand sie das versteckte Manuskript. Sie sorgte dafür, dass es veröffentlicht wurde und präsentierte es im Juni 2023 in Kyjiw.

Wenige Tage später wurde auch sie Opfer des russischen Terrors. Sie starb an den Folgen eines russischen Raketenangriffs - am 1. Juli 2023, dem Geburtstag von Volodymyr Vakulenko.

In diesem Buch zu blättern, ist bewegend. Fotos sind zu sehen von zerstörten Häusern und von den eingerollten Seiten, die Victoria gefunden hat: "Nach der ukrainischen Gegenoffensive im September 2022, während man im Wald von Isjum die Leichen derjenigen exhumiert, die dort zu Tode gekommen sind, suche ich, völlig aufgelöst, in der Erde nach etwas anderem - dem Tagebuch meines ermordeten Kollegen, des Schriftstellers Volodymyr Vakulenko.

Schwer atmend wartet hinter mir sein verzweifelter Vater. Vakulenko Senior hat als Erster gegraben, aber nichts finden können. (...) Ich senke den Blick - und plötzlich sehe ich etwas, beuge mich hinunter und ziehe aus dem Boden eine dünne Rolle in einem Plastikbeutel. 'Ich hab's gefunden!', rufe ich, so freudig, als hätte ich nicht ein unter Besatzung entstandenes Tagebuch, sondern die gesamte verschwundene ukrainische Literatur aus der Erde geborgen."

Aus dem Tagebuch von Volodymyr Vakulenko:

"Manchmal schaltest du für ein, zwei Stunden ab, dann träumst du. In der ersten Phase von Zahlen, alten Kalendern, von Bekannten, auch von den Jungs, wie ich sie umarme, bei ihnen bin. Ich habe Angst, daran zu denken, was mit ihnen ist. In den ersten Tagen der Besatzung hatte ich ein bisschen aufgegeben, und im halbverhungerten Zustand umso mehr. Jetzt habe ich mich zusammengerissen, sogar den Garten harke ich gemächlich und die Kartoffeln habe ich ins Haus geschafft. Die Vögel zwitschern nur morgens, am Nachmittag hört man nicht mal von den Raben ein grantiges 'Krah'. Abends rettet mich im Endeffekt Musik vom Handy - hochgeladen noch vor dem Krieg: Joryi Kloc, Plach Veremiyi, Gorgisheli u.a. Aber heute, am Tag der Poesie, hat mich am Himmel ein kleiner Kranichzug begrüßt, und da war mir, als sie durch ihr 'Krruu" hindurch zu hören gewesen: 'Use bude Ukrajina! Ja virju v peremohu!' 'Alles wird Ukraine sein! Ich glaube an den Sieg!' (20.3.2022)